Pferde sind von Natur aus Fluchttiere. Das heißt, dass sie, wenn sie die Wahl haben, nicht die Auseinandersetzung, sondern die Konfliktvermeidung wählen.Als Haustier wird ihnen jedoch oft diese Wahlmöglichkeit genommen – besonders im Bezug auf den Menschen.

Wir wünschen uns, dass sich das Pferd mit uns auseinandersetzt und wenn möglich das tut, was wir uns vorstellen. Wenn dies nicht der Fall ist, sind wir Menschen sehr kreativ darin, das Pferd dazu zu bringen, unserem Willen zu entsprechen.
Im Idealfall geschieht das über positiven Beziehungsaufbau, Vertrauen und positive Verstärkung sowie konsequentes und gewaltfreies Grenzenaufzeigen.

Realistisch gesehen haben die wenigsten Ausbilder / Pferdebesitzer / Reiter die nötigen Fähigkeiten dafür – früher oder später kommt es zu Gewalt am Pferd, wenn auch nicht immer bewusst und meist durch Unwissen und Missverständnisse zwischen Pferd und Mensch. Wir alle, mich eingeschlossen, sind nicht perfekt und können das nicht vollständig verbeiden.

Unser großes Glück ist, dass Pferde viel verzeihen und meist wenig nachtragend sind – hier kann der Mensch noch sehr viel vom Pferd lernen. Doch auch die Geduld und Toleranz dieser edlen Tiere ist irgendwann einmal zu Ende. Und hier treten dann unverblümt die uralten Überlebensinstinkte zu Tage: Kann ich nicht flüchten, so muss ich mich mit allem was ich habe zur Wehr setzen.
Wenn solche Situationen immer wieder entstehen, verliert das Pferd sein Vertrauen in den Menschen. Jeder einzelne muss sich dieses Vertrauen dann neu erarbeiten.

Und nun komme ich. Ein fremder Therapeut, ein potentieller Feind, der eventuell wieder Schmerz zufügt, der das Pferd überall anfasst und Bewegungen ausführt, die nicht alltäglich sind. Jemand, den das Pferd nicht kennt. Das bedeutet Stress, vor allem bei negativ vorbelasteten Pferden, für die Fremde nur aus Tierärzten, Zahnärzten und „Menschen, die was von mir wollen und die ich kaum verstehe“ bestehen.

Und darum muss ein Pferd während einer Behandlung flüchten können und dürfen. Es muss sich in einem bestimmten Rahmen der Behandlung entziehen können, damit es lernt, zu vertrauen. Damit es lernt, dass ein „Nein“ akzeptiert wird und dass seine Angst, seine seelischen Wunden und seine Grenzen gesehen, gespürt und respektiert werden. Nur so ist ein Zwiegespräch mit dem Pferd, seiner Seele und seinem Körper möglich und nur so, kann eine Therapie gut anschlagen und langfristig wirken.

Denn manuelle Therapie ist mehr als nur Gewebe bearbeiten. Körper und Geist sind nicht zu trennen! Manuelle Therapie ist auch Arbeit an der Seele. Ein Fluchttier muss sich auf seinen Körper verlassen können. Wenn dieser schmerzt ist das Gleichgewicht beeinträchtigt und somit ist eine Flucht nicht mehr zu 100% möglich - was ist, wenn es im falschen Moment im Rücken zwickt? Oder das Bein nachgibt vor Schmerz?
Pferde, die Schmerzen haben und zusätzlich schlechte Erfahrungen mit dem Menschen gemacht haben oder sich in ihrem Stall oder ihrer Herde nicht sicher fühlen, neigen dazu, aggressiv zu sein und sich gegen den Therapeuten deutlich zu wehren.

Wenn das Pferd nun lernen darf, dass der Mensch Rücksicht auf seine Ängste nimmt, kann seine Seele heilen und dadurch werden auch die körperlichen Beschwerden besser, da sie an Relevanz verlieren:
Wenn ich mich bei diesem Menschen sicher und gesehen fühle, ich weiß, dass er auf mich aufpasst und mir zuhört, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich flüchten muss. Dann darf es auch mal im Rücken zwicken.