Schiefe und Einseitigkeit beim Pferd: Mehr als nur eine Frage der Händigkeit

„Dein Pferd ist links-hohl.“

Dies hören wir im Reitunterricht ziemlich oft. Und meistens wissen wir auch sofort, was damit gemeint ist: Das Pferd ist von Natur aus nach links gebogen und lässt sich daher leichter nach links biegen als nach rechts.

Punkt.

Aber ist das wirklich schon die ganze Wahrheit?

Nein. Ganz und gar nicht!
Denn die natürliche Schiefe eines Pferdes ist deutlich komplexer. Sie betrifft nicht nur die Frage, in welche Richtung ein Pferd von Natur aus gebogen ist, sondern hat mit dessen Körperbau, Motorik, Wahrnehmung und sogar mit der Verarbeitung von Informationen zu tun.

Und genau deshalb lohnt es sich, das Thema „Schiefe“ genauer zu beleuchten.

Schiefe ist nicht gleich Schiefe

Denn es muss tatsächlich zwischen drei verschiedenen Bereichen unterschieden werden:

1. Die körperliche Schiefe

Ein Teil der Schiefe ist schlicht schon da.

Knochen sind nicht millimetergenau symmetrisch. So ist der Brustkorb auf einer Seite deutlicher ausgeprägt, und auch die Röhrbeine sind unterschiedlich lang und dick. Und natürlich gibt es auch Unterschiede in der Ausprägung und Nutzung der Muskulatur.

Das können wir nur zum Teil wegtrainieren. Ziel des Gesundheit erhaltenden Trainings ist also nicht, dass dein Pferd absolut symmetrisch wird – denn das ist schlicht nicht möglich. Es geht vielmehr darum, dass es mit seinem Körper möglichst funktionell umgehen kann.

2. Die motorische Einseitigkeit

Das ist die Schiefe, über die beim Reiten gesprochen und die als Händigkeit bezeichnet wird.

Viele Pferde sind beispielsweise „links-hohl“. Sie biegen sich nach links scheinbar leichter und fühlen sich nach rechts steifer an.

Aber Vorsicht!

Die Seite, auf die sich das Pferd leichter biegt, ist nicht die beweglichere Seite.

Bei einem links-hohlen Pferd ist die linke Seite verkürzt. Das Pferd kann sich deshalb zwar leichter in diese Richtung biegen, aber genau diese Verkürzung macht die linke Seite gleichzeitig weniger dehnfähig.

Die Biegung nach rechts ist für eine links-hohles Pferd schwieriger, weil es dafür die verkürzte linke Seite dehnen muss.

Dazu kommt: Pferde benutzen ihre beiden Körperhälften nicht identisch. Sie haben bevorzugte Bewegungsmuster, bevorzugte Schub- bzw. Spielbeine und bevorzugte Tragbeine.

Genau hier setzt Gymnastizierung an.

Motorische Einseitigkeit und Rotation

Wenn wir die Schiefe nur als „rechts oder links biegen“ betrachten, übersehen wir einen wichtigen Teil des Pferdes.

Der Rumpf des Pferdes hängt zwischen den Vorderbeinen in einer muskulären Aufhängung. Das Pferd kann diesen Rumpf nicht nur heben und senken, sondern auch rotieren.

Und genau diese Rotation ist für eine korrekte Biegung entscheidend: Es gibt keine Biegung ohne Rotation. Wenn Biegung und Rotation nicht zusammenarbeiten, fällt dein Pferd über die eine oder die andere Schulter und die Hinterhand kann auf der gebogenen Linie nicht in der Spur der Vorhand (wie auf Schienen) fussen.

Bei einer korrekten Links-Biegung bewegt sich das Brustbein nach rechts, während der Widerrist nach links geht. Je besser dein Pferd sich in seinem Brustkorb anheben kann und je höher der Versammlungsgrad ist, desto weniger Rotation ist zu sehen und zu spüren.

 3. Die sensorische Einseitigkeit - jetzt wird es richtig spannend!

Diesen Bereich finde ich persönlich ganz besonders faszinierend.

Die Informationen, die über Auge, Ohr und Nüster aufgenommen werden, gelangen von rechtem Ohr und Auge zur linken Gehirnhälfte und anders herum, während die Informationen der Nüster gleichseitig verarbeitet werden. Im Gehirn angekommen, werden diese Informationen nicht einfach völlig gleich verarbeitet. Die beiden Gehirnhälften haben unterschiedliche Schwerpunkte und reagieren unterschiedlich auf bekannte und unbekannte Reize.

Die rechte Gehirnhälfte wird stärker beansprucht bei:

  • reaktiven Verhaltensweisen, wie zB Flucht,
  • emotionalen Situationen (positiv wie negativ),
  • neuen Situationen,
  • globaler Aufmerksamkeit und
  • aktiviert das Kurzzeitgedächtnis.

Die linke Gehirnhälfte hingegen ist zuständig für:

  • Proaktives Verhalten und die
  • Kontrolle in bekannten Situationen,
  • fokussierte Aufmerksamkeit und
  • aktiviert das Langzeitgedächtnis und ist daher wichtig für das Lernen.

Was bedeutet das für unseren Umgang mit dem Pferd?

Ein Pferd, das etwas Neues sieht, möchte den Reiz ganz anders anschauen als ein Pferd, das etwas Bekanntes betrachtet. Es ist daher wichtig, dass dein Pferd selbst entscheiden darf mit welchem Auge es eine Situation beobachtet. Denn genau das tut ein Pferd auch menschliche Begleitung: Es nähert sich dem Fremden im Zick-Zack, um es mit beiden Augen, Ohren und Gehirnhälften abwechselnd zu betrachten und so besser bewerten zu können.

Wenn dies unterdrückt wird, kann es entsprechend zu unerwünschten Reaktionen und vor allem auch langfristig zu Problemen in ähnlichen Situationen führen.

Vielleicht hast du ja auch selbst schon mal beobachtet, dass Pferde bei interessanten Gerüchen ihre Nüstern abwechselnd an die Geruchsquelle halten, Die Antwort auf dei Frage, warum sie das tun, hast du nun bekommen.

Und dann kommt noch der Reiter dazu ...

Während wir erwarten, dass unsere Pferde symmetrisch sind und alles auf beiden Händen gleich gut beherrschen, achten wir doch viel zu selten darauf, unsere eigene Symmetrie zu schulen.

Jeder, der Linkshänder ist weiss, dass wir in einer Rechtshänder-Welt leben. Dadurch sind Linkshänder deutlich symmetrischer, was Koordination und Kraft betrifft, als Rechtshänder und sind überproportional oft im Spitzensport der Reiterei anzutreffen – aber auch in anderen Sportarten, die eine gleichseitige Nutzung des Körpers erfordern.

Wenn du also deine Asymmetrie nicht auf dein Pferd übertragen möchtest, solltest du neben der Geraderichtung deines Pferdes auch an der eigenen arbeiten.

Schiefe ist kein Fehler

Die natürliche Schiefe ist kein Defekt, den wir irgendwann erfolgreich beseitigt haben.

Sie ist ein Teil deines Pferdes (und deines eigenen Körpers) und wird dich immer begleiten und herausfordern. Tatsächlich ist Schiefe – egal ob motorisch, körperlich oder sensorisch – evolutionsbiologisch sogar ein Vorteil: Denn durch sie hat jede Seite ihre Spezialisierung und ermöglicht schnellere und präzisere Reaktionen.

Da wir unsere Pferde jedoch reiten wollen und sie durch unsere Obhut deutlich älter werden als in freier Wildbahn, ist die Geraderichtung der motorischen Einseitigkeit ein wichtiges Ziel. Denn dadurch hat dein Pferd deutlich mehr Möglichkeiten, sich zu bewegen und auszubalancieren. Das verhindert frühzeitigen Verschleiss und ermöglicht ein gesundes Altwerden.

Das Verständnis für die sensorische Einseitigkeit hingegen ist für pferdegerechtes Training und Lernen ein wichtiger Baustein und kann dich besonders in ungewohnten Situationen mit deinem Pferd unterstützen.

Wenn du noch mehr über dieses Thema wissen und mehr Beispiele dazu bekommen möchtest, wie sich Schiefe an Pferden auch in ihrem Verhalten beobachten lässt, hör dir sehr gerne unsere Podcastfolgen dazu an.
 
 Viel Spass!