Jeder kennt es, doch kaum einer weiß wie es genau aussieht, was es macht, wo genau es ist und warum es als Schwachstelle gilt. Also beginne ich mal von vorne:

Was heißt „ISG“ und wo ist es?
ISG ist die Abkürzung für „Iliosacralgelenk“. Der Vorteil lateinischer Bezeichnungen liegt darin, dass sie sehr logisch aufgebaut sind, man also schon anhand des Namens erkennen kann, wo z. Bsp. ein Gelenk liegt. In diesem Fall nämlich zwischen dem Ilium und dem Sacrum. Auf Deutsch: Zwischen dem Darmbein und dem Kreuzbein.

Das Kreuzbein sollte jedem geläufig sein – ich schätze, dass jeder von uns schon einmal erleben musste wie schmerzhaft es ist, wenn man darauf fällt und wie lange es geht bis man wieder richtig sitzen kann… Das Darmbein hingegen ist eher unbekannt. Es ist ein Teil des Hüftbeines und sein Kamm lässt sich beim Menschen ungefähr auf Höhe des Gürtels links und rechts neben der Wirbelsäule tasten.

Um das Ganze nun beim Pferd zu finden, hier einmal eine Übersicht des ganzen Skeletts.
Schön rot markiert: Hier findet man das ISG.

Wie sieht das ISG aus?
Wenn man im Präparationssaal das ISG freilegen möchte stellt man schnell fest, dass es ganz und gar nicht spektakulär ist. Zum ISG gehören, wie oben schon gesagt, Darmbein und Kreuzbein, welche beide eine relativ flache Gelenksfläche beisteuern. Dazu kommen straffe Bänder, welche die beiden Knochen in der korrekten Stellung zueinander halten. Diese Bänder verdecken die Sicht auf den eigentlichen Gelenksspalt.

Das ISG ist also alles andere als ein in unserer Vorstellung „klassisches Gelenk“ bei dem ein Knochenende eine Kugel und das andere Knochenende eine Pfanne bereithält. Viel mehr sind es zwei aufeinander geschnürte Flächen.

Bild: Hundebecken von unten. Stell dir vor du liegst am Boden und ein Hund steht mit seinen Hinterfüßen rechts und links neben deinen Schultern. Seine Blickrichtung geht von dir weg (also „nach oben“). Dies ist der Blickwinkel, in welchem du dieses Hundebecken nun siehst. Die Zahl 4 bezeichnet die bauchwärts liegenden Bänder des ISG.
Rot: ISG
Blau: Kreuzbein
Grün: Darmbeinschaufeln

Was ist die Aufgabe des ISG?
Der „Motor“ unserer Vierbeiner liegt in den Hinterbeinen – besonders gut erkennt man das beim Känguru, welches seinen „Motor“ so weit ausgebaut hat, dass die Vorderbeine nur noch beim langsamen gehen benutzt werden.
Dem ISG kommt die Aufgabe zu die Kraft, welche in der Hinterhand generiert wird, über die Wirbelsäule nach vorne in den Körper zu transportieren. Dabei muss trotzdem die Bewegung des Beckens, welche durch das wechselseitige Abfußen von rechts und links entsteht, zugelassen werden. Das ISG muss also sowohl fest als auch durchlässig sein. Keine einfache Aufgabe!

Warum gilt das ISG als Schwachstelle?
Die widersprüchliche Aufgabe des ISG führt uns zu seiner Problematik: Müsste es nur eine Bewegung weitertransportieren, so wären seine Bänder weicher und toleranter gegenüber falschen Bewegungen. Müsste das ISG hingegen ausschließlich Kraft übertragen, so wäre es komplett verknöchert und würde eine falsche Bewegung erst gar nicht zulassen.

Das ISG wird in seiner Aufgabe von kräftigen Muskeln unterstützt, welche das Gelenk stabilisieren und falsche Bewegungen auffangen können – sofern sie gut genug ausgebildet sind. Doch auch wenn diese Muskeln zu genüge vorhanden sind, kann immer noch ein dummer Zufall, wie ein Tritt in ein Loch oder eine Sturz auf die Hüfte das Gelenk in sich verschieben.

Das alleine wäre nicht tragisch, wenn das Gelenk schnellst möglich wieder in seine ursprüngliche Position finden würde. Leider führt jedoch der stabilisierende Reflex der Muskeln um das Gelenk, welche sich in einer solchen Situation zusammenziehen, dazu, dass das Gelenk gerne mal in der verschobenen Position stecken bleibt. Dieser Reflex ist überlebenswichtig: Bei einem Sturz kann schließlich auch die Wirbelsäule Schaden nehmen und muss durch stabilisierende Muskulatur geschützt werden. Lieber lebt man mit dem einen oder anderen verschobenen Gelenk weiter als dass man mit einer gelähmten Hinterhand gefressen wird.

Hier kann nun immer noch sehr einfach eingegriffen und das Gelenk in seine korrekte Stellung gebracht werden. Wird jedoch nicht reagiert passt sich das Gewebe den neuen Bedingungen an: Die Bänder um das Gelenk werden durch die neue Position gedehnt und leiern aus und Muskeln verkrampfen und verkürzen sich.
Leider sind alte ISG-Probleme dadurch kaum langfristig zu lösen: Die ausgeleierten Bänder können das Gelenk nicht mehr ausreichend in Position halten und es wird immer wieder in die falsche Haltung rutschen und so zu Schmerzen und anderen Problemen führen.

Daher kommt der Ruf des ISG, es sei eine Schwachstelle. Das ist es jedoch ganz und gar nicht. Es ist genauso eine „Schwachstelle“ wie jedes andere Gelenk auch. Jedoch fällt ein verschobenes ISG oft deutlicher auf als eine verschobener Wirbel: Taktunreinheiten, Lahmheit, Unwilligkeit, eine inaktive Hinterhand, mangelnder Schub oder fehlende Sprungkraft fallen beim Reiten doch deutlich auf. Dieselben Symptome können natürlich auch durch andere Problematiken entstehen, das ISG hat jedoch durch seine komplexe Aufgabenstellung nicht so viele Kompensationsmöglichkeiten wie z. Bsp. ein Wirbel. Daher führt ein ISG-Problem viel früher zu Symptomen – was dem ISG wieder den Ruf einbringt, es sei anfällig.