Es ist Sommer und im Moment schon beinahe unerträglich heiss. Die Pferde stehen regelmässig auf der Weide und kommen so zu mehr Bewegung als im Winter. Dies verleitet dazu, vor der Arbeit die Aufwärmphase zu verkürzen. Die Muskeln sind schliesslich schon warm – alleine von der Aussentemperatur – und durch vermehrten Weidegang sind auch die Gelenke besser bewegt und geschmiert. Aber reicht das?

Nein! Auch bei solchen Temperaturen und viel Weidegang, sollte die Aufwärmphase nicht weniger als 15 Minuten dauern. Im Idealfall findet sie sogar an der Hand statt, ohne Reitergewicht.

Warum ist das so?
Dazu erst ein wenig Anatomie: Die in einem Gelenk aufeinander treffenden Knochen (orange) sind von Knorpel (blau) überzogen. Dieser wird ernährt durch die Gelenkflüssigkeit, welche wiederum von einer dünnen Zellschicht (rot), welche zur Gelenkkapsel gehört, produziert wird. In Bewegung werden die Gelenkflüssigkeit und so auch die Nährstoffe in den Knorpel eingewalkt. Bei Kälte und im kalten Zustand ist die Flüssigkeit zäher und weniger gleitfähig als im aufgewärmten Zustand und kann so wiederum weniger gut einmassiert werden. Folglich wird der Knorpel weniger gut versorgt.

Aufwärmen3

Bei „pferdischem“ Bewegungsausmass auf der Weide mit eventuell kurzen Spiel- und Galopp- oder Trabphasen sind Knorpel und somit Gelenk durch die vorhandene Gelenkflüssigkeit ausreichend geschützt und ernährt. Kommt jedoch die Dauerbelastung durch z.B. Longieren in höheren Gangarten oder sogar ein Reitergewicht hinzu, reicht der Schutz nicht mehr aus. Es kommt zu Unterversorgung des Knorpels und erhöhter Reibung, was zu Gelenkmäusen und Arthrose führen kann.

Und nun noch ein Wort zu den Muskeln: Spricht man von aufgewärmten Muskeln, ist nicht zwangsläufig deren Temperatur gemeint sondern viel mehr deren Stoffwechsel. Ein aufgewärmter Muskel hat eine hohe Stoffwechselaktivität sowie erhöhte Elastizität, Regenerations- und somit Belastungsfähigkeit. Dadurch sinkt die Verletzungsgefahr deutlich.

Was passiert bei korrektem Aufwärmen?
In der Aufwärmphase wird die Produktion der Gelenkflüssigkeit angekurbelt und die Konsistenz ändert sich. So werden mehr Nährstoffe in den Knorpel gebracht, was für dessen Regeneration in Belastung unabdingbar ist. Da dieser Prozess erst in Gang gebracht werden muss, darf die Aufwärmphase nicht zu kurz sein. Das selbe gilt für die Muskulatur.
Mindestens 15 Minuten im Schritt sollten eingehalten werden, bevor es mit der Trabarbeit weiter geht. Kommt die Belastung durch ein Reitergewicht hinzu, sollten 20 Minuten nicht unterschritten werden. [Dies gilt übrigens auch vor Ausritten! Warum also nicht einfach das Pferd bis zur ersten Trabstrecke führen?]

Was tun so lange?
Diese 15 bis 20 Minuten sind keine verlorene Zeit. Im Idealfall wird das Pferd in dieser Zeit an der Hand gearbeitet. Seitengänge an der Hand sind Ideal zum Aufwärmen, da sie viele Muskelgruppen ansprechen und aktivieren. Der Stoffwechsel der Muskeln wird aktiviert und der Kreislauf angeregt. Langsame Seitengänge im Schritt sind Krafttraining und stärken Hinterhand, Rücken- und Bauchmuskulatur. Bevor der Reiter sich nun in den Sattel schwingt, darf gerne auch an der Hand getrabt werden.

Nun, nach 20 Minuten Schritt und Trab an der Hand, mit Seitengängen, Dehnung und Versammlung, Volten, Schlangenlinien und verschiedenen Übergängen sind Gelenke, Muskulatur und das Pferd selbst bereit für den Reiter. Sogar der Reiter ist aufgewärmt und durchbewegt.

Jedem Reiter lege ich nahe, dies ein paar mal zu probieren um sich von dieser „physiologischen Aufwärmtechnik“ überzeugen zu lassen. Es ist ein grosser Unterschied, ob man auf ein „kaltes“ oder auf ein auf diese Weise aufgewärmtes Pferd sitzt. Und dieser Unterschied ist vom ersten gerittenen Schritt an zu spüren!

Ich wünsche euch allen viel Erfolg dabei und trotz der Hitze die Musse, diese wichtigen 15 Minuten einzuhalten.